Nauman Hess

Lottie Nauman Hess

Ich wurde 1925 geboren, meine frühesten Erinnerungen an die Hitlerzeit decken sich wahrscheinlich mit meiner Einschulung(1932). Wir hatten eine jüdische Schule in Unsleben, mein Vater ging schon in diese Schule. Alle Klassen in einem Zimmer, wobei, glaube ich, vor der Hitlerzeit die meisten Schüler nach der vierten Klasse nach Bad Neustadt auf die höhere Schule gingen.Unser Lehrer war auch der Kantor in der Synagoge. Als ich in die Schule kam war Blumenthal unser Lehrer und ich glaube, er ging in den Ruhestand und nach Amerika als ich im zweiten oder dritten Schuljahr war(1935). Ich weiß, als wir viel später nach New York kamen, dass wir ihn manchmal trafen, er lebte in Brooklyn. Dann bekamen wir einen Lehrer namens Rosenbaum, der bis zum Schluß bei uns war.Ich meine, dass er und seine Frau schließlich im Konzentrationslager endeten und getöted wurden.

Es war jedenfalls eine eng zusammenhaltende orthodoxe jüdische Gemeinde, jeder ging in die Synagoge am Sabbat und lebte koscher. Ich muß sagen, dass viele Familien miteinander verwandt waren, es gab viele Verwandtenehen.

Die Synagoge, soweit ich mich erinnere, war sehr schön. Die Frauen waren auf der Empore, die Männer unten. Ich erinnere mich an ein großes Fest an Simchat Thora(letzter jüdischer Feiertag im Anschluß an das Laubhüttenfest), die kleinen Mädchen, wie ich eins war, durften mit Fähnchen unten herumlaufen, während wir natürlich sonst nicht in die Synagoge durften, außer an Rosh Hashanah(Neujahrsfest)., ein Dienstmädchen brachte uns in die Synagoge, nicht wirklich in die Syngoge , nur in den Vorraum. Wir standen da, um das Shofar zu hören, dann wurden wir wieder heimgebracht. Alles war so typisch deutsch, es mußte Ruhe herrschen, kein Herumtollen. Das jedenfalls sind meine Erinnerungen an die Synagoge.

In der Schule war ich die einzige in meiner Klasse und daher auch die tüchtigste. Und ich erinnere mich, als die Saar, das Gebiet zwischen Deutschland und Frankreich, das nach dem Weltkrieg französich wurde, aber in den dreißiger Jahren(1935) nach Deutschland heimkehrte. Da war unser Lehrer so stolz – in der Anfangszeit von Hitler war er, glaube ich, noch so unbedarft, dass Deutschland die Saar zurückbekam. Ich weiß nicht, warum mir das so im Gedächtnis blieb, anscheinend hinterließ es einen starken Eindruck auf mich.

Es gab ein Gesetz, wonach alle Mädchen das Stricken, Häkeln oder sonstwie Handarbeit lernen mußten. Unsereiner, wir hatten einen Mann als Lehrer, also mußten wir am Freitagnachmittag in die christliche Schule zur Handarbeit, zum Stricken, Sticken, was weiß ich was noch. So waren wir nur eine Handvoll von Mädchen, die kleinen unter 10 Jahren brauchten noch nicht. Über zehn wir mußten in die christliche Schule. Zunächst saßen da alle christlichen Mädchen klassenweise, wir jüdische Mädchen saßen alle auf einem Haufen, weit weg von den christlichen. Es gab eine Menge Gekicher und sich über uns lustig machen. Ein Mädchen hatte es besonders auf mich abgesehen und sie drohte, alle möglichen Dinge zu verpetzen, was ich getan haben soll. Jedenfalls hatte ich solche Angst und natürlich habe ich nichts meiner Mutter gesagt. Nur jeden Freitag sagte ich, ich hab Bauchweh oder ich krieg eine Erkältung oder sonstwas, um nicht gehen zu müssen, aber ich mußte immer gehen. Und oh, noch was, die Lehrerin kam von Bad Neustadt, sie muß auch ein Nazi gewesen sein, so wie sie sich am Freitagnachmittg benahm. Wenn im Winter der Sabbat früher begann, durften wir etwas früher gehen. Daraus machte sie immer eine große Schau, indem sie sagte: „Die Israeliten sind wieder weg.“. Wenn ich daran denke, ist es heute für mich noch ein großer Schreck, ein böser Traum.

Die meisten Juden, die nach Amerika kamen wohnten alle in der gleiche Nachbarschaft. Sie gründeten wieder eine Synagoge, die Unslebener Gemeinde gründete ihre eigene in Queens, einem Bezirk von New York, wo alle in fußläufiger Entfernung wohnten und viele von uns waren ohnehin verwandt. Und sie nannten sie das Elmhurst jüdische Zentrum, weil sie im Gebiet von Elmhurst lag. Auf diese Weise sind wir uns immer begegnet. Von der nächsten Generation sind, glaube ich, schon viele weggezogen. Einige wurden sehr, sehr orthodox und gründeten eine andere Gemeinschaft in einem anderen teil der Queens, die noch heute existiert. Ein Cousin meiner Mutter, der eher in meinem Alter war, wurde der Rabbi in dieser Schule. Es gibt sie noch heute.

Meine Mutter starb 1991. Es mss danach gewesen sein, dass wir von der Gemeinde in Cleveland hörten, von den Juden, die 1830 Unsleben verließen. eine Cousine von mir fand dies heraus, leider lebt sie nicht mehr. Wir haben allerhand Informationen über sie bekommen, wer sie waren, was wir vorher nicht wussten. Wie ich schon sagte, meine Eltern waren schon tot, so konnte ich noch nicht einmal jemand fragen, ob sie davon wussten. Ich bezweifle es, weil ich nie etwas davon hörte.

Jeder, als er oder kurz bevor er an Auswanderung dachte, hat versucht, irgendwo in einem anderen Land Verwandte zu finden, die ihm helfen konnten nach dort zu kommen. Und meine Großmutter mütterlicherseits hatte einen Onkel, der als junger Mann nach Amerika ging. Niemand von uns kannte ihn natürlich. Sie nahmen Verbindung mit ihm auf in Missouri und baten um eine Bürgschaft für meinen ledigen Onkel, den Bruder meiner Mutter, der auch auswanderte, ich glaube 1936 oder 1937, und dann baten sie um eine Bürgschaft für unsere Familie. Er war schon in seinen Achtzigern und ich glaube blind. Er sagte, er könne keine Familie mit drei Kindern unterstützen, aber er würde eine Bürgschaft für meinen Vater schicken, er solle allein kommen, Arbeit finden und dann die Famiie nachkommen lassen. So emigrierte mein Vater im Oktober 1937 und 10 Monate später kamen wir nach, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester und meine Großmutter.

Mein Vater und zwei seiner Brüder hatten einen Getreidehandel, den sie von ihrem Vater erbten und der schon lange existierte. An den Ortseingängen standen überall Schilder mit der Aufschrift „Keine Geschäfte mit Juden!“. Viele der Landwirte hatten Angst und folgten dem Aufruf, viele aber hatten keine Angst und machten weiter Geschäfte mit Juden. Aber das Geschäft ging stark zurück.

Ein anderer Bruder meines Vaters war Arzt, er war der Landarzt für das Dorf und die Umgebung. und natürlich ging auch seine Praxis zurück. Er ging glaube ich 1937 nach Amerika, ich weiß nicht einmal, woher er seine Bürgschaft hatte, keine Idee, er war damals noch ledig.

Mein Mann und mein Bruder organisierten einen Besuch für die ganze Familie mit Kindern und Enkeln nach Unsleben. Wir waren 26 Personen und reisten zusammen. es hat damit angefangen, das mein Bruder Ahnenforschung betreibt. er war am Computer und Angela Bungert bekam irgendwie eine Anfrage zu Gesicht. Sie war sehr interessiert daran, was den Juden passierte. Ich muss sagen ihre Familie, ihre Mutter(eher Großmutter) war mit den Familien meiner Mutter sehr gut befreundet vor der Nazizeit. Und Angela wollte mehr wissen, so kam sie in Verbindung mit meinem Bruder und irgendwie erfuhr auch die Bürgermeisterin davon und sandte eine Einladung. So hat alles angefangen.

Noch davor nahm Prof. Hesselbach Kontakt mit meinem Bruder auf. Er wollte wissen, ob meine Cousine namens Trudy Naumann  auch mit nach Unsleben kommen wird. Und zu der Zeit wusste sie noch nicht, ob sie mitkommen wird. Jedenfalls lange Rede, kurzer Sinn, als wir in Unsleben waren, konnte es Prof. Hesselbach nicht erwarten, Trudy zu treffen. Trudy war sechs, als sie Unsleben verliess und er war  gleichaltrig. Er sagte: „Ich muss Dich was fragen. Als wir uns als Kinder auf der Straße trafen, habe ich ein Steinchen von der Straße aufgehoben, es in ein Bonbonpapier gewickelt und Dir gegeben.“ Mit Tränen in den Augen sagte er: „Verzeihst Du mir“. Und Trudy sagte: „Ich kann mich daran nicht erinnern.“ (Die Mütter waren in der Arztpraxis von Trudies Onkel Freundinnen geworden und besuchten sich nach ihrer Niederkunft mit den Kindern, die miteinander spielten). Seine Mutter, als er ihr mit schlechtem Gewissen erzählte, dass er Trudy so gefoppt hat, sagte ihm, dass dies nicht schön war, wo ihr doch als Babies so schön miteinander gespielt habt. Gut er war gerade vier, hatte aber mitbekommen, dass Juden nicht mehr erwünscht sind. Bis heute ist er mit ihr in Briefkontakt und als wir von Unsleben nach München weiterfuhren, hat sie in München von ihm ein Blumenbouquet bekommen mit der Nachricht „Bitte vergib mir“. Offenbar hat ihn dies sein ganzes Leben bedrückt und er hat versucht, es gut zu machen mit den vielen Nachforschungen über die Juden und den Kontakt mit uns.

 

Als wir in Unsleben 1999 ankamen

,Bei unserer Ankunft wurden wir vor dem früheren Lagerhaus unserer Familie(jetzt: Dorfscheuer) von zahlreichen Würdenträgern begrüßt. Zwei kleine Mädchen haben uns Blumen überreicht. Als wir in die Halle eintraten hat ein Blasorchester gespielt. Die Tische waren gedeckt und  reich dekoriert.

Nachdem alle Platz genommen hatten, wurden wir von der Bürgermeisterin Elisabeth Machon  und anderen begrüßt. Dann haben die vier in Unsleben geborenen Teilnehmer Angela Bungert einen Kristallapfel überreicht, der die Stadt New York  repräsentiert. In dem schwarzweiß-Foto hält ihn Angela in ihrer Hand. Links von ihr steht Fred Naumann und seine Schwestern Lottie Naumann-Hess und Ruth Haumann-Derison und deren Cousine Trudy Naumann-Dreyer. Ganz rechts im weißen Hemd steht Professor Hesselbach.

Auf dem Foto mit den zwei Frauen ist Lottie Hess zusammen mit Angelas Mutter, Irmgard Bungert. Dieser Tag hat sie nach 60 Jahren wieder zusammen gebracht. Sie waren Spielkameraden, Angela`s Großeltern ließen Ihre Kinder mit jüdischen Kindern spielen bis sie Unsleben verließen.

 

Wasserschloss‘ 99 visit

Photos von Besuch 1999: Diese sind vom Abendempfang im Schloß

Das Photo mit dem Titel  ‚Wasserschloss‘ zeigt unsere Ankunft.   Die Gruppe von Kindern sind die jüngsten Teilnehmer unserer Besuchsgruppe: Rebecca Derison, Alex Koenig, Samantha Derison, Katlyn Koenig, Emma Dreyer und Mackenzie Naumann.

Das Photo mit dem Titel ‚Wasserschloss 2‘  zeigt noch einmal besser die Überreichung des Kristallapfels.

Auf dem Photo  ganz rechts ist der junge Graf mit Dianne Naumann rechts von ihm und links von ihm ihre Schwester Arleen.  Zu dieser Zeit war der junge Graf frisch verlobt. Heute lebt er mit Frau und Kindern im Schloss. Sie haben Teile des Schlosses in Ferienwohnungen umgewandelt.  Lottie Hess hat mit Ehemann Werner und Tochter Arleen 2006 dort gewohnt.

Die Photos mit dem Titel ‚Wasserschloss dinner‘ zeigen das Buffet vor dem Konzert in der Schlossscheune..

Oben links: Ruth Naumann-Derison und Arleen Hess im Gespräch mit  Christoph Graf zu Waldburg Wolfegg

Oben rechts: Werner Hess im Gespräch mit der Gräfin.

Unten rechts: Der junge Graf zeigt uns Dokumente aus dem Archiv zur Beziehung seiner Vorfahren mit den Unslebeneer Juden.  Er sagte auch, dass seine Familie bis zur Hitlerzeit den Juden im Schutz bieten konnte.

Die Schlossherrn waren ursprünglich Freiherren bis eine Tochter(die Mutter des jungen Grafen) einen Graf heiratete und sie damit zur Gräfin aufstieg.

 

Wasserschloss-2